E-Learning: Einführung in die lateinische Metrik

 


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"Hexameter"

 

 

 

8. Äolische Verse

Die Bezeichnung ‚äolische Verse‘ leitet sich von Sappho und Alkaios ab, die beide um 600 v. Chr. auf Lesbos dichteten. Diese Insel war vom Volk der Äoler besiedelt; gesprochen und geschrieben wurde im lesbischen Dialekt, einem der äolischen Dialekte. Obwohl sich schon einige Beispiele in der altlateinischen Bühnendichtung und bei Catull finden, behauptet Horaz in carm. 3,30,13f., er habe die äolische Dichtung in Italien eingeführt (princeps Aeolium carmen ad Italos / deduxisse modos). Auch wenn dies nicht ganz stimmen mag, so sind äolische Verse in der lateinischen Literatur doch insbesondere für das Verständnis seiner Lyrik wichtig. Später finden sich solche Verse aber auch bei Autoren wie Seneca, Martial und Statius.

Während sich daktylische, jambische, trochäische, anapästische, kretische, bakcheische und jonische Verse mehrheitlich mit Füssen und Metren analysieren lassen, ist bei den äolischen Versen ein Kolon die metrische Grundeinheit (vgl. Kapitel 1.5.2). Als wichtiger Unterschied zu anderen Versmassen ist ausserdem zu beachten, dass äolische Verse in der Regel eine feste Anzahl von Silben haben: Resolutionen von einer Länge in zwei Kürzen oder Kontraktionen von einer Doppelkürze zu einer Länge sind daher sehr selten und vor allem auf die altlateinische Dichtung beschränkt.

Ein weiteres Charakteristikum ist das Vorhandensein einer chorjambischen Sequenz. Abgesehen vom alkäischen Neunsilbler (vgl. Kapitel 8.4) enthalten alle äolischen Kola mindestens einmal ‒ ⏑ ⏑ ‒ als Silbenfolge. Manchmal stehen davor zwei Silben, die man als äolische Basis bezeichnet und mit ○ ○ symbolisch darstellt. Die äolische Basis kann als ‒ ‒, ‒ ⏑ oder ⏑ ‒ realisiert sein, nie aber als ⏑ ⏑. Seit Horaz wird sie fast immer durch zwei lange Silben gebildet.

Im Folgenden können nur die wichtigsten äolischen Versmasse besprochen werden.

 

8.1 Glykoneen und Pherekrateen

Glykoneen und Pherekrateen wurden bereits in Kapitel 1.5.2 bei der Besprechung des Begriffs ‚Kolon‘ kurz erwähnt. Die Bezeichnung ‚Glykoneus‘ leitet sich von einem sonst unbekannten Dichter namens Glykon ab. Das Schema sieht ab Catull folgendermassen aus:

○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ⏓ (man beachte die äolische Basis und den Chorjambus)

Der Pherekrateus ist nach dem Komödiendichter Pherekrates (5. Jh. v. Chr.) benannt:

○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏓ (man beachte die äolische Basis und den Chorjambus)

Merkhilfen: „Glykoneen sind nicht so schwer“; „Endlich habe ich ‚Glyk‘ bei dir!“ (Zgoll 2012, 147); der Pherekrateus sieht aus wie ein katalektischer Glykoneus.

 

Analysieren Sie als kurze Übung die folgende Strophe:

montium domina ut fores

silvarumque virentium (10)

saltuumque reconditorum

    amniumque sonantum:

Lösung

Bei diesen Versen handelt es sich um die dritte Strophe von Catull. 34:

mōntĭūm dŏmĭn(a) ūt fŏrēs [Glykoneus]
sīlvārūmquĕ vĭrēntĭŭm (10) [Glykoneus]
sāltŭūmquĕ rĕcōndĭtōr(um) [Glykoneus]
    āmnĭūmquĕ sŏnāntŭm:    [Pherekrateus als Klausel am Strophenende]

 

Wie ich in Kapitel 1.5.2 bei der Analyse der vorangehenden Strophe (Catull. 34,5-8) bereits dargelegt habe, besteht dieses Gedicht aus einer regelmässigen Abfolge von jeweils drei Glykoneen und einem Pherekrateus, wobei die um ein Element kürzeren Pherekrateen die insgesamt sechs Strophen als Klauseln abschliessen. Elision über die Versgrenze hinweg wie in Zeile 11 ist in diesem Gedicht relativ häufig. Daraus lässt sich erkennen, dass die einzelnen Kola eng zusammengehören.

Glykoneen und Pherekrateen werden auch in Catull. 17 miteinander verbunden. Das Gedicht ist im so genannten Priapeus verfasst:

○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ‒ | ○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏓ [Glykoneus | Pherekrateus]

Die Bezeichnung ‚Priapeus‘ geht auf den griechischen Fruchtbarkeitsgott Priapos zurück. Allerdings sind die Gedichte des corpus Priapeorum gerade nicht in diesem Versmass verfasst, sondern in elegischen Distichen (vgl. Kapitel 3.2), Hinkjamben (vgl. Kapitel 4.1.4) und Hendekasyllaben (vgl. Kapitel 8.2).

 

Analysieren Sie nun den Anfang von Catull. 17:

O colonia, quae cupis ponte ludere longo,

Lösung

 

et salire paratum habes, sed vereris inepta

Lösung

 

crura ponticuli axulis stantis in recidivis,

Lösung

 

ne supinus eat cavaque in palude recumbat:

Lösung

 

sic tibi bonus ex tua pons libidine fiat, (5)

Lösung

 

in quo vel Salisubsili sacra suscipiantur,

Lösung

 

munus hoc mihi maximi da, colonia, risus.

Lösung

 

 

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