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"Hexameter"

 

 

 

8.5 Asklepiadeische Strophen

Die asklepiadeischen Strophen haben ihren Namen vom hellenistischen Dichter Asklepiades (3. Jh. v. Chr.). Nach der alkäischen Strophe (vgl. Kapitel 8.4) sind die asklepiadeischen Strophen in den carmina von Horaz am zweithäufigsten (insgesamt 34 Gedichte).

In den asklepiadeischen Strophen kommen zwei weitere Kola vor, der häufigere kleine Asklepiadeus/Asclepiadeus minor (ein um einen Chorjambus erweiterter Glykoneus) und der seltenere grosse Asklepiadeus/Asclepiadeus maior (ein um zwei Chorjamben erweiterter Glykoneus):

○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓

kleiner Asklepiadeus

○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏓

grosser Asklepiadeus

Asklepiadeische Strophen werden in der Sekundärliteratur unterschiedlich bezeichnet. Ich orientiere mich an der verbreiteten Einteilung in der Horaz-Ausgabe von Klingner 31959, 317f. Dieser zufolge lassen sich fünf verschiedene asklepiadeische Strophen unterscheiden. Sie finden nun je ein Beispiel mit Angabe der Silbenquantitäten. Beschreiben Sie die einzelnen Strophen mit Begriffen aus dem Kapitel zu den äolischen Versen:

1. asklepiadeische Strophe (Hor. carm. 3,30,1-4; vgl. Zgoll 2012, 152f.):
Ēxēgī mŏnŭmēnt(um) āerĕ pĕrēnnĭŭs
rēgālīquĕ sĭtū pȳrămĭd(um) āltĭŭs,
quōd nōn īmbĕr ĕdāx, nōn ăquĭl(o) īmpŏtēns
pōssīt dīrŭĕr(e) āut īnnŭmĕrābĭlĭs …

Lösung

Die 1. asklepiadeische Strophe besteht aus kleinen Asklepiadeen, die stichisch aneinandergereiht werden oder Strophen zu je vier Versen bilden:
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓ ||
Neben Hor. carm. 3,30 findet sich dieses Versmass auch in Hor. carm. 1,1 und 4,8 sowie bei Seneca in langen stichischen Passagen.

 

2. asklepiadeische Strophe (Hor. carm. 1,24,1-4; vgl. Zgoll 2012, 156):
Quīs dēsīdĕrĭō sīt pŭdŏr āut mŏdŭs
tām cārī căpĭtīs? prāecĭpĕ lūgŭbrīs
cāntūs, Mēlpŏmĕnē, cūi lĭquĭdām pătĕr
    vōcēm cūm cĭthărā dĕdĭt.

Lösung

Die 2. asklepiadeische Strophe besteht aus drei kleinen Asklepiadeen und einem Glykoneus:
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓ ||
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓ ||
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓ ||
    ○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ⏓ |||
Neben Hor. carm. 1,24 vgl. auch Hor. carm. 1,6.15.33; 2,12; 3,10.16; 4,5.12.

 

3. asklepiadeische Strophe (Hor. carm. 1,5,1-4; vgl. Zgoll 2012, 157f.):
Quīs mūltā grăcĭlīs tē pŭĕr īn rŏsā
pērfūsūs lĭquĭdīs ūrgĕt ŏdōrĭbŭs
    grātō, Pȳrrhă, sŭb āntrō?
        cūi flāvām rĕlĭgās cŏmăm …

Lösung

Die 3. asklepiadeische Strophe besteht aus zwei kleinen Asklepiadeen, einem Pherekrateus und einem Glykoneus:
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓ ||
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓ ||
    ○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏓ ||
        ○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ⏓ |||
Neben Hor. carm. 1,5 vgl. auch Hor. carm. 1,14.21.23; 3,7.13; 4,13.

 

4. asklepiadeische Strophe (Hor. carm. 1,19,1-4; vgl. Zgoll 2012, 159):
Mātēr sāevă Cŭpīdĭnŭm
    Thēbānāequĕ iŭbēt mē Sĕmĕlāe pŭĕr
ēt lāscīvă Lĭcēntĭă
    fīnītīs ănĭmūm rēddĕr(e) ămōrĭbŭs.

Lösung

Die 4. asklepiadeische Strophe besteht gemäss Klingner aus einem Glykoneus, einem kleinen Asklepiadeus, einem (zweiten) Glykoneus und einem (zweiten) kleinen Asklepiadeus. Daher spricht Boldrini 1999, 158 nicht von einer Strophe, sondern von einem Distichon aus Glykoneus und Asclepiadeus minor:
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ⏓ ||
    ○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓ ||
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ⏓ ||
    ○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒  ⏓ |||
Neben Hor. carm. 1,19 vgl. auch Hor. carm. 1,3.13.36; 3,9.15.19.24.25.28; 4,1.3.

 

5. asklepiadeische Strophe (Hor. carm. 1,11,1-4; vgl. Zgoll 2012, 154):
Tū nē quāesĭĕrīs, scīrĕ nĕfās, quēm mĭhĭ, quēm tĭbī
fīnēm dī dĕdĕrīnt, Lēucŏnŏē, nēc Băby̆lōnĭōs
tēmptārīs nŭmĕrōs. ūt mĕlĭūs, quīdquĭd ĕrīt, pătī.
sēu plūrīs hĭĕmēs sēu trĭbŭīt Iūppĭtĕr ūltĭmăm …

Lösung

Die 5. asklepiadeische Strophe besteht aus grossen Asklepiadeen, die stichisch aneinandergereiht werden oder Strophen zu je vier Versen bilden:
○ ○ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ‒ ⏑ ⏑ ‒ ⏓ ||
Neben Hor. carm. 1,11 vgl. auch Hor. carm. 1,18 und 4,10 sowie Catull. 30.

 

Analysieren Sie nun die Fortsetzung von zwei der soeben als Beispiele für asklepiadeische Strophen genannten Horaz-Lieder.

Hor. carm. 3,30,5-9:

… annorum series et fuga temporum.

non omnis moriar multaque pars mei

vitabit Libitinam: usque ego postera

crescam laude recens, dum Capitolium

Lösung

Es handelt sich um ein Gedicht in der 1. asklepiadeischen Strophe (vgl. auch Zgoll 2012, 152f.):

 

Hor. carm. 1,11,5-8:

… quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare

Tyrrhenum: sapias, vina liques, et spatio brevi

spem longam reseces. dum loquimur, fugerit invida

aetas: carpe diem quam minimum credula postero.

Lösung

Es handelt sich um ein Gedicht in der 5. asklepiadeischen Strophe (vgl. auch Zgoll 2012, 154f.):

Die drei Wörter oppositis debilitat pumicibus (im ersten dieser vier Verse), die je die Struktur eines Chorjambus aufweisen, imitieren laut Zgoll 2012, 154 Anm. 426 die Meeresbrandung. Im letzten Vers ‚floh‘ „das (neidische) Alter“ (aetas) gewissermassen auf die nächste Zeile: Enjambement (vgl. dazu auch Zgoll 2012, 155 Anm. 428).

 

 

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